Rezension: „Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come“ von Jessica Pan

Sorry I'm Late I didn't want to come von Jessica Pan ist ein Buch für Introvertierte

Vor einigen Jahren habe ich „Still“ von Susan Cain, das Standardwerk über Introversion, gelesen. Und nichts war mehr wie zuvor.

Anschließend dachte ich, ich wüsste alles über das Introvertiertsein. Die Prämisse von „Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come“ klang jedoch amüsant: Eine Introvertierte versucht ein Jahr lang, extrovertiert zu sein.

Das Experiment: ein Jahr extrovertiert

Jessica Pan sieht ihre Introversion egentlich nicht als Manko an. Sie ist sogar sehr zufrieden mit ihrem Leben als Introvertierte. Bis sie eines Tages realisiert, dass sie ihre Schüchternheit vorschiebt, um für sie unangenehme Dinge nicht tun zu müssen. Als Resultat ist sie nicht nur unglücklich, sie wird sogar depressiv.

Sie entscheidet, ein Jahr lang auf extrovertiert zu machen, um zu sehen, ob sie anschließend zufriedener mit sich selbst ist.

„I was, for a while, an unhappy introvert and I wanted to see how my life might change if I spent a year undertaking daunting new experiences. The book is about what happened next. Please enjoy my nightmares.“1

Sie will sich deshalb verschiedenen Herausforderungen stellen:

  • fremde Leute ansprechen,
  • neue Freundschaften knüpfen,
  • vor Publikum sprechen,
  • ihre eigene Stand-up-Comedy-Show auf die Bühne bringen,
  • Improvisationstheater spielen,
  • alleine verreisen
  • und eine Dinner-Party veranstalten.

Für jede dieser Punkte sucht sie sich Expert*innen, die sie bei der Bewältigung unterstützen („people who will prevent me from extroverting straight off a cliff“²).

Lang lebe Königin … Victoria?

Bei der ersten Aufgabe – fremde Leute ansprechen – zum Beispiel, lässt Jessica sich zunächst von einem Psychotherapeuten coachen. Ihm offenbart sie, dass sie am meisten davor Angst hat, für komisch oder dumm gehalten zu werden.

„For me, talking to strangers is something you do as a last resort: lost in an unfamiliar neighbourhood, dead phone, broken leg, typhoon – and really, only if these things happen all at once.“³

Er empfiehlt ihr darauf hin, Fremden absichtlich eine dumme Frage zu stellen. Sein Vorschlag: Engländer*innen fragen, ob es in ihrem Land eine Königin gibt und wenn ja, wie sie heißt.

Das soll ihr zeigen, dass selbst eine tatsächlich dumme Frage keine schwerwiegenden Konsequenzen hat. Die Leute würden dann zwar wahrscheinlich denken, sie sei komisch, aber … das war’s dann auch. Alles nicht so schlimm.

Er schickt sie also los und es stellt sich erstmal raus, dass die Frage gar nicht so dumm war. Denn mehrere Leute behaupten, die amtierende Königin hieße Victoria.

Ein Lacher reiht sich an den nächsten

„Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come“ war eines der besten Bücher, das ich 2019 gelesen habe und definitiv das lustigste. Der Humor, der sich schon im Titel widerspiegelt, zieht sich durch das ganze Buch. Ich musste auf jeder Seite mindestens einmal lachen.

Was nicht heißt, dass es sich hier nur um eine Reihe von Gags handelt. Vor der Lektüre war ich überzeugt, dass die Moral von der Geschichte sein würde: Verbieg dich nicht. Man kann nur so sein, wie man eben ist. Sei du selbst!

Aber – ohne zu viel zu verraten: Ich lag falsch. Man lernt einiges darüber, was es bringen kann, wenn man seine Komfortzone gelegentlich mal verlässt.


Über „Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come“

„Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come“ ist im Mai 2019 auf Englisch erschienen und bisher noch nicht auf Deutsch erhältlich. Falls ihr noch nach einer Übersetzerin sucht, helfe ich euch gerne weiter, lieber Penguin-Verlag. 😉

Über Jessica Pan

Jessica Pan ist Amerikanerin und arbeitet als freie Journalistin in London. Sie ist Co-Autorin des 2014 erschienenen „Graduates in Wonderland“ und auch auf Instagram äußerst unterhaltsam.


1 Ich war für eine Weile eine unglückliche Introvertierte und wollte sehen, wie mein Leben sich verändern würde, wenn ich ein Jahr lang einschüchternde neue Erfahrungen sammle. Dieses Buch handelt davon, was dabei passiert ist. Viel Spaß bei der Lektüre meiner Albträume.

² Leute, die mich davor bewahren werden, mich in den Abgrund zu extrovertieren

³ Für mich ist fremde Leute anzusprechen etwas, was man als letzten Ausweg tut. Wenn man sich in einer unbekannten Gegend verlaufen hat, das Handy leer ist, sich ein Bein gebrochen hat, ein Taifun wütet. Und eigentlich nur, wenn das alles auf einmal passiert.

[Anmerkung: meine Übersetzungen]

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