Effektive Klimakommunikation: Weniger Eisbären, mehr Empathie

Die Klimakrise ist erwiesen und menschengemacht. Sie hat gravierende Risiken, CO₂ ist die Ursache. Wir können etwas gegen sie tun.

Erkenntnis: Wenn man Leute Klimasünder nennt, finden sie das nicht so nett und sind noch weniger geneigt, sich umweltfreundlicher zu verhalten. Mit andern Worten: Auch SUV-Fahrer haben Gefühle.

Dieses Licht ging mir auf – oder vielmehr: wurde mir angeknipst – als ich vor einigen Monaten in einem ICE nach München saß. Wie jeder Fernzug der Bahn war er mit 100 Prozent Ökostrom und wie jeder vierte mit Verspätung unterwegs.

Während der Schnellzug so dahin bummelte, blätterte ich durch die „grüne“ Ausgabe des Bahnmagazins DB-mobil und blieb an einem Interview mit Michael Brüggemann hängen, seines Zeichens Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg und spezialisiert auf Klimakommunikation.

Wie funktioniert effektive Klimakommunikation? Ein Plakat "Alarmstufe Rot" auf einem Klimaprotest.
Foto von Markus Spiske auf Unsplash

Brüggemann meint, dass ein Begriff wie „Klimasünder“ ineffektiv sei. Denn mit moralischen Vorwürfen würde nichts erreicht. Denn „Wenn wir den anderen nur als Sünder beschimpfen und anklagen, was der alles falsch macht, werden wir ihn kaum überzeugen.“ (Ich mache eine mentale Notiz, beim Anblick von Nachbars-Hummer meinen Kommentar „Oh, die US Army ist wieder unterwegs“ nur noch sotto voce anzubringen.)

Polarisierung bürge laut Brüggemann sogar ein großes Risiko. Meine Gedanken drifteten zu unseren französischen Nachbarn und ihren gelb bewesteten Wutbürgern. Guter Punkt, Professor!

Was ist Klimakommunikation?

Der Begriff Klimakommunikation ist ja an sich selbsterklärend. Aber 2020, inmitten einer Klimakatastrophe, mit zehn Jahren Zeit, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, mit Massenprotesten, aber politischer Inaktivität, ist das Thema nicht nur sprachlich oder wissenschaftlich interessant, sondern von essenzieller Bedeutung.

„Es ist leicht, das Katastrophenpotenzial des Klimawandels zu ignorieren. Scheinbar lächerlich kleine und langsame Veränderungen, wie ein Meeresspiegelanstieg von drei Millimetern pro Jahr, wollen einfach keinen Schrecken hervorrufen.“ (Marie-Luise Beck)

Gute Klimakommunikation

  • ist wissenschaftlich fundiert,
  • alarmiert, aber schreckt nicht ab,
  • erreicht ihre Zielgruppe,
  • verdeutlicht die Notwendigkeit zu handeln
  • und mobilisiert Politik und Gesellschaft.

Sie macht klar, dass wir uns in einer akuten Krise befinden und auf eine Katastrophe zusteuern. Aber auch, dass wir Lösungen besitzen und diese so schnell wie möglich umsetzen müssen. Ihr Ziel ist es, Fakten zu etablieren, den Ernst der Lage begreiflich zu machen und die Notwendigkeit zu handeln aufzuzeigen.

Ihre wichtigste Botschaft hat ein amerikanischer Kollege Brüggemanns auf ein Mantra heruntergebrochen:

Die Klimakrise ist erwiesen und menschengemacht. Sie hat gravierende Risiken, CO₂ ist die Ursache. Wir können etwas gegen sie tun.

Wo liegt das Problem?

Während die Tatsache, dass das Klima sich wandelt gibt, allgemein hin anerkannt ist (unter normal intelligenten Leuten zumindest), besteht in der Bevölkerung wenig Faktenwissen, was die Dringlichkeit der Lage und wirksame Maßnahmen angeht.

Die größte Herausforderung der Klimakommunikation liegt in der Natur der Klimakrise selbst: Sie verläuft schleichend. Ein Erderwärmung von zwei Grad Celsius und drei Millimeter Meeresspiegelanstieg hört sich nicht nach so viel an.

„Es geht hier um Überlebensprobleme und das wird nicht verstanden.“ (Soziologe Harald Welzer)

Brüggemann führt zwei Gründe an, warum wir trotz Wissens um die Klimakrise, nichts Maßgebliches gegen sie tun:

  • Grund eins ist politisch: Mächtige Interessen stehen dem entgegen.
  • Grund zwei ist auf psychologischer Ebene zu finden: Verdrängen ist einfacher als Problemlösen.

Was tun?

Politische Inaktivität muss durch Druck auf die Regierenden bekämpft werden. Also das, was Fridays for Future seit über einem Jahr tut. Aber auch die Medien nehmen eine entscheidende Rolle ein.

Ihre Aufgabe ist es, die Aktivitäten der Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu hinterfragen. „Eine Berichterstattung über eine Bilanzpressekonferenz eines Unternehmens ohne Auskunft über die Klimabilanz darf es nicht mehr geben. Ein Text über die Planung eines neuen Wohnviertels muss die Klimaauswirkungen beleuchten. Ein Text über ein attraktives Reiseziel sollte nicht ohne Hinweis auf klimaschädliches Fliegen auskommen“, findet auch Daniela Becker von klimafakten.de.

Kontinuierliche Berichterstattung ist unabdingbar. Bezüge zum Alltag derer, die die Krise bisher noch nicht spüren, müssen aufgezeigt werden, um alle von der Dringlichkeit der Lage zu überzeugen. Und immer wieder die Wiederholung der Grundlagen:

Die Klimakrise ist erwiesen und menschengemacht. Sie hat gravierende Risiken, CO₂ ist die Ursache. Wir können etwas gegen sie tun.

Und die Psychologie? Das Verhalten des Menschen ist Schuld an der Klimakrise und seine Psyche verhindert, dass genügend gegen sie getan wird. Unsere Spezies ist dumm, faul und schnell überfordert.

Aber sie ist auch fähig, sich zu ändern. Und Fatalismus ist vollkommen fehl am Platz. „Es ist eh schon zu spät“ hilft null. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass sich das Klima der Erde wandelt. Und doch haben wir nichts getan. Das zeigt uns, dass die bisherige Klimakommunikation nicht effektiv war.

Eisbären: süß, aber keine Klimaaktivisten

Jahrelang wurde von Erderwärmung oder „Global Warming“ gesprochen. Was Genies wie Donald Trump und andere republikanische Politiker (und AfD-Ewiggestrige) bei jeder gefallenen Schneeflocke zum „AHA!“-Schrei motiviert hat: „Von wegen Global Warming!“.

Denken wir an Erderwärmung ist kein Bild eindrücklicher als das eines Eisbären, der auf einer viel zu kleinen Scholle sitzt. Erwärmung -> Eis schmilzt -> schlecht für den Eisbären. Ein einfaches Bild. Wer möchte sie nicht retten? Diese süßen Viecher mit ihren plüschigen, dicken Hintern?

Aber als Mittel der Klimakommunikation – also um Leute zu bewegen, gegen die Klimakrise aktiv zu werden – taugen sie nichts. Brüggemann erklärt: „[Das Bild des Eisbären auf der Scholle ist] nicht so hilfreich. Der Eisbär auf seiner schmelzenden Scholle ist erstens kein Mensch und zweitens weit weg. Viele schlussfolgern: Das betrifft mich nicht.“

Ebenso verhält es sich mit Bildern von Elefanten an ausgetrockneten Wasserstellen oder rauchenden Industrieschloten.

Effektivere Bilder sind:

  • authentische Fotos von betroffenen Einzelpersonen
  • Handelnden, nicht Opfern
  • Abbildungen konkreter Klimaschutzmaßnahmen
  • Totalbetrachtungen statt Einzelverhalten
  • Menschen, die direkter von der Klimakrise betroffen sind als Europäer
  • solche, die neue Geschichten erzählen und zum Nachdenken anregen
  • allgemeinverständliche Infografiken
  • geschickte Visualisierungen
  • fiktionale Darstellungsformen

Die Klimakrise ist erwiesen und menschengemacht. Sie hat gravierende Risiken, CO₂ ist die Ursache. Wir können etwas gegen sie tun.

Not macht erfinderisch

Krisensituation erfordert Originalität. Michael Brüggemann schlägt etwa vor, bei Werbung für Konsumgüter darauf hinzuweisen, wie viel CO₂ es verursacht: „Wie bei Zigaretten könnte man dazuschreiben: Das Produkt gefährdet unser Weltklima. Wenn das in jeder Werbung eingeblendet würde, könnte es der Konsument nicht ignorieren.“

Wie die Lebensmittelampel bei Nahrungsmitteln und Ekellungenbilder bei Zigaretten auch besagen Studien, dass solche Kennzeichnungen das Konsumverhalten beeinflussen würden. Und – wie Brüggemann hinweist – machen Zigaretten süchtig, SUVs eher weniger.

Bei aller Kritik an Namen wie dem „Gute-Kita-“ oder „Starke-Familien-Gesetz“, würde eine „Save-The-Planet-Steuer“ vielleicht mehr zum Verständnis getroffener Maßnahmen beitragen als eine „Fleischsteuer“.

Fünf Dinge, die jede*r tun kann

Die Wenigsten von uns sind aber PolitkerInnen, JournalistInnen oder BildredakteurInnen mit Einfluss auf Entscheidungen oder Narrative. Was kann also der Ottonormalverbraucher tun, um effektiver über das Klima zu sprechen?

Drei Ideen:

  1. „Erderwärmung“, „Klimawandel“ oder „Gglobal Warming“ aus dem Wortschatz streichen und durch „Klimakrise“ oder „Klimanotstand“ ersetzen, um die Dringlichkeit der Lage akkurat widerzuspiegeln.
  2. Die Werbetrommel für Grünes rühren, statt Klimaschädliches zu ahnden. Also darüber sprechen, was man selbst für das Klima tut und andere fragen, was sie bereits tun oder tun könnten, statt sie für umweltverschmutzendes Verhalten zu kritisieren.
  3. Betonen, dass es nicht nur um das Klima, sondern auch um Lebensqualität geht. Autos aus Innenstädten zu verbannen etwa bedeutet nicht nur weniger CO₂, sondern auch weniger Lärm und bessere Luft.
  4. Klar machen, dass Klimaschutz jede*n Einzelne*n betrifft. Bis wir in Deutschland dran sind, kann es dauern. Aber wir kommen dran.

„Das Wichtigste ist, das wir überhaupt über Klimaschutz reden.“ (Prof. Michael Brüggemann)


Foto von Shelby Miller auf Unsplash

Ein Gedanke zu „Effektive Klimakommunikation: Weniger Eisbären, mehr Empathie

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