Aus dem Leben einer kompulsiven Regelbefolgerin

2:29 Uhr. Eine Stadt bei Nacht, wie ausgestorben. Keine Menschenseele ist unterwegs. Seit Stunden war in einem Radius von zehn Kilometern kein Fahrzeug gesehen worden.

Eine Fußgängerampel, sie ist rot.

Da stehe ich. Ordentlich hinter dem Abstandsstreifen und warte bis das grüne Männchen erscheint und mir offiziell erlaubt, die Straße zu überqueren.

Warum? Wenn alle Welt schläft und alle sechs Sinne – und der siebte noch dazu – sagen: „Es besteht keine Gefahr“, wieso dann auf das Erlischen des roten Lichtes warten?

Weil es die Regeln sind! Deshalb. Und die gelten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die StVO hat nirgends ein Sternchen, das sie zu bestimmten Uhrzeiten außer Kraft setzt.

Erbsenzählerei ist ein Schicksal

Es ist mir ein Ding der Unmöglichkeit, wissentlich eine Regel zu brechen. Sei sie mathematisch oder grammatikalisch, gesetzlich verankert oder ungeschrieben.

Ein Leben als kompulsive Regelbefolgerin sucht man sich nicht aus. Es ist kein Lifestyle. Manchmal ist es sogar eine psychische Belastung, nie Fünfe gerade sein lassen zu können.

Es ist kein Spaß, selbst auf dem eigenen Einkaufszettel, den nie eine zweite Person und schon gar kein größeres Publikum zu Gesicht bekommen wird, Rechtschreibfehler verbessern zu müssen, weil man es einfach nicht erträgt, Mozzarella nur mit einem Z geschrieben zu haben.

Es ist nicht einfach, unfähig zu sein um 6:59 Uhr oder 18:01 Uhr Altglas zu recyclen, wenn auf dem Container steht „Einwurf werktags zwischen 7 und 18 Uhr“.

Und ständig das Augenrollen Anderer aushalten zu müssen, wenn man Backzutaten auf das Gramm genau abwiegt, immer zuerst die Gebrauchsanleitung studiert und sein Auto keinen Millimeter bewegt, bevor alle Insassen angeschnallt sind.

Die Genugtuung zu den Braven zu gehören

Jede mentale Anstrengung, sich strikt an die Regeln zu halten, wird aber durch die Genugtuung belohnt, das Richtige getan zu haben.

Sei das ein grün grinsender Smiley, wenn ich mich exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung halte, oder das bloße Wissen, keine Kilowattstunde Strom verplempert zu haben, weil ich das Ladegerät sofort nach Erreichen von 100 % Akkuladung herausgezogen habe.

Nichts ist befriedigender, als zu den Braven zu gehören.

Das Katastrophenszenario: Jeder macht, was er will

Denn wenn sich alle nur an die Regeln halten, die ihnen gefallen, wo kommen wir denn dann hin? Heute blinkt man beim Folgen einer abbiegenden Vorfahrtsstraße nicht und morgen begehen wir alle reihenweise Massenmorde. Sowas reißt ganz schnell ein.

Deshalb braucht man Leute wie mich, die sich nicht nur von selbst in vorauseilendem Gehorsam an alle Regeln halten. Sondern die auch Andere darauf hinweisen – und sei es nur mit einem abwertenden Blick (es ist immer nur ein abwertender Blick) -, dass sie hier gerade GEGEN DIE REGELN VERSTOSSEN!!!

Ich selbst sehe mich als eine Art Hilfs-Sheriff (Sheriffin?), der die Polizei vertritt, wenn sie Wichtigeres zu tun hat. Der Freund und Helfer des Freundes und Helfers sozusagen.

Etwa, wenn ich im Supermarkt sehe, dass Menschen kurz vor der Kasse eine Dose Erbsen ins Gummibärchen-Regal stellen, weil sie sich doch gegen den Kauf entschieden haben. „Gehören die hier hin?“, straft sie mein wertendster Blick.

Bisher hat mein Das-ist-jetzt-aber-nicht-rechtens-Augenbrauen-Hochzieher allerdings noch niemanden zur Vernunft gebracht. Ich hoffe jedoch, dass er in Kombination mit einem subtilen Räuspern zukünftig für Recht und Ordnung sorgt.

Ein Gedanke zu „Aus dem Leben einer kompulsiven Regelbefolgerin

  1. Carina

    Meinen verachtenden Todesblick schule ich aktuell auch sehr gerne bei den MNS-Versagern, die offenbar unfähig sind, ihre Nasen zu bedecken, das Teil überhaupt halbwegs gescheit zu tragen oder generell ihren Respekt gegenüber anderen auszuleben.

    Gefällt 1 Person

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