Für Sie immer noch Frau Rue Julie

„Hallo meine liebe Julia“, grüßt mich der Newsletter einer Dame, mit der ich noch nie gesprochen habe und die dank eines automatisierten Mailingprogrammes noch nicht mal von meiner Existenz weiß.

„Warst du schon mal hier?“, fragt die Kosmetikerin mich. „Ja“, sage ich und füge gedanklich hinzu: „aber da habe ich dir auch nicht das Du angeboten.“

„Hier, dein Wahlschein“, sagt der mir vollkommen unbekannte Wahlhelfer Ende 40 und streckt mir die meterlange Liste entgegen. „Ich kenne ihn nicht und bin eindeutig über 18 Jahre alt, sonst wäre ich ja nicht hier. Wieso duzt der mich?“, geht mir durch den Kopf.

RIP, Sie

Im Job, in der Freizeit, beim Einkaufen oder beim Ausüben meiner demokratischen Grundrechte: Ständig werde ich gegen meinen Willen geduzt. Das Du geht dem Sie zusehends an den Kragen.

Mir gefällt diese Entwicklung nicht. Sie oder Du ist mir im Prinzip wurscht, aber ich möchte lediglich, dass mir Letzteres angeboten wird und man nicht vorauseilende Annahmen über mich macht: „Die ist ja jung, die will sicher geduzt werden.“ Ich mag zwar faktisch 32 sein, aber innerlich bin ich Jahrgang 1954.

Ich arbeite seit vier Jahren in der IT-Branche. Ich kann mich an eine Person erinnern, die mich in dieser Zeit außerhalb von Bewerbungsgesprächen gesiezt hat. Jetzt ist diese Branche nicht unbedingt repräsentativ für das gesamte Geschäftsleben in diesem Land. Aber ich bemerke, dass sich die vertraute Ansprechvariante auch im Businesskontext durchsetzt. Aus mir unerklärlichen Gründen.

Hey, Frau Lüdenscheid!

Was absurderweise jedoch nicht ausstirbt, ist das unglaublich verstaubte „sehr geehrte Damen und Herren“ als Grußformel im Schriftverkehr. Niemals nie würde man eine Person im echten Leben mit „Hallo, sehr geehrte Frau Lüdenscheid“ begrüßen, aber in Brief und E-Mail beharren alle darauf. (Mir ist allerdings auch schon ein Absender untergekommen, der mich oben „sehr geehrt“ hat und unten mit „Liebe Grüße Thomas“ abgeschlossen hat.)

„Der Kunde ist König“ heißt es sonst in Unternehmen. Aber diesen spricht man normalerweise mit „Ihre Majestät“ an, nicht mit „Hey! Wie geht’s dir?“.

Siez-Konsequenzen

Was nun, wenn mich jemand gegen meinen Willen siezt? Dann, dann … ja, dann sage ich natürlich absolut gar nichts. Ich bilde mir still mein Urteil. Vielleicht sieze ich zurück, vielleicht duze ich aber auch mit knirschenden Zähnen.

Aber meistens winde ich mich dann wie ein Sprachschlangenmensch, um die direkte Ansprache zu vermeiden: „Bis wann werden die Texte gebraucht?“


Photo by Joel Muniz on Unsplash

2 Gedanken zu „Für Sie immer noch Frau Rue Julie

  1. Carina

    Ich biete noch „Hallo Julia, könnten Sie wohl…“. In unserem Team gibt es eine einzige Dame, die mit niemandem per Du ist (manchmal beneide ich sie drum). Sie nutzt das Hamburger Sie (siehe oben). Warum weiß ich gar nicht, aber ich sieze brav mit Nachnamen und lasse mich mit Vornamen siezen. Ich fürchte, dass sich das Du (was ich auch Jahre nach der furchtbaren Rechtschreibreform stur groß schreibe) durch Social Media und englische Kontakte im Geschäftsleben eingeschlichen hat. Meine Vornamens-Siezerin wird in den TelCos auf Englisch natürlich auch „geduzt“. Alles kurios. Ich fühle mit Dir.

    Gefällt 1 Person

  2. Nina

    Haha, mir geht es genau anders. Ich finde es kurios, dass so viele Marken und einige Menschen immer noch auf dem „Sie“ bestehen. Die einzigen Menschen, die ich sieze, sind meine Frauenärztin und einen Kunden, dem das glaube ich zeitweise genauso albern vorkommt, aber in seiner Branche macht man das eben so. Nach 20 Jahren in der Werbung, wo das „du“ an der Tagesordnung ist, und als Teil einer Künstlerfamilie ist mein Gefühl wahrscheinlich ganz normal. Noch eigenartiger finde ich übrigens das groß geschriebene „Du“. Das klingt für mich nach handgeschriebenem Liebesbrief oder Hochzeitseinladung. Und selbst da würde ich es kaum nutzen wollen.
    Liebe Grüße, Nina

    Gefällt 1 Person

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